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Boah, das dauert!

Bereits im Herbst 2022 wurde verkündet, dass es einen Nachfolger des 9-Euro-Tickets geben soll: digital, preiswert und ab Beginn des Jahres 2023 ganz einfach deutschlandweit zu nutzen. Nun haben wir das Jahr 2023, und das so getaufte „Deutschlandticket“ ist noch nicht da.

Dabei ging es beim Vorgänger, dem 9-Euro-Ticket, doch so schnell. Also, was ist da eigentlich los? Wir haben in unserem Bereich Vertrieb & Tarif nachgefragt, unser Experte Wolfgang erläutert die Hintergründe.

Warum konnte das 9-Euro-Ticket vergleichsweise schnell umgesetzt werden?

Das 9-Euro-Ticket im Sommer 2021 wurde ebenfalls von der Politik initiiert. Hier war jedoch klar, dass es sich um einen eng begrenzten Zeitraum handeln würde. Das Ticket war monatlich über die üblichen Vertriebswege erhältlich, die eher seitens der Gelegenheitsfahrgäste genutzt werden: Automaten, Verkaufs- und Servicestellen, Online-Vertrieb. Das Ticket konnte so in den Hintergrundsystemen als zusätzliches Fahrkartenprodukt wie eine normale Monatskarte angelegt werden. Bei Abonnenten wurde im Hintergrund der einheitliche Preis von 9,00 EUR festgeschrieben.

Bei allem (daten-)technischen Aufwand konnten und wurden die üblichen örtlichen Tarifstrukturen beibehalten, da nach den drei Aktionsmonaten wieder eine Rückkehr in die bekannten Tarife erfolgte. Infolge des kurzen Angebotszeitraumes waren auch die finanziellen Auswirkungen begrenzt; Bund und Länder waren schnell bereit, das finanzielle Minus durch die geringeren Einnahmen beim Fahrkartenverkauf auszugleichen. Und es bestand bundesweit Einigkeit, dass in Zusammenwirken der kurzen Vorlaufzeit, des kurzen Angebotszeitraums und des sehr niedrigen Ticketpreises der Vertriebs- und Kontrollaufwand möglichst gering zu halten war. Aufwändige digitale Lösungen und andere teure Maßnahmen wurden daher vermieden – es galt das Prinzip „Augen zu und durch“.

Was ist jetzt anders, und was wird jetzt gemacht?

Das Deutschlandticket ist nicht mehr kurzfristig als „Sonderangebot“ geplant, sondern soll sich – nach einem Probezeitraum von zwei Jahren – nach Möglichkeit dauerhaft etablieren. Zwar wird das Deutschlandticket weitgehend deutlich günstiger sein als die bisherigen Zeitkarten-Angebote im öffentlichen Verkehr, mit 49 EUR/Monat (für bestimmte Zielgruppen ggf. auch etwas günstiger) ist es aber eben auch deutlich teurer als das 9-Euro-Ticket. Das Deutschlandticket wird bei den Verbünden und Verkehrsunternehmen im Vergleich zu den bisherigen Einnahmen für erhebliche Verluste (in Milliardenhöhe) sorgen, die durch Bund und Länder ausgeglichen werden müssen. Unter diesen Randbedingungen muss das gesamte Angebot sowohl für die Fahrgäste als auch für Politik, Verwaltung, Verbünde und Verkehrsunternehmen sorgfältig durchdacht werden.

Darum braucht es einheitliche Prüfverfahren, und was gibt es für technische Hürden?

Aufgrund des Fahrkartenwertes des Deutschlandtickets mit 49 Euro und der bundesweiten Gültigkeit sind die Tickets technisch so auszugestalten, dass sie nicht nur fälschungssicher sind, sondern auch – trotz unterschiedlichster Vertriebslandschaften mit entsprechend technisch unterschiedlichen Fahrkarten-Prüfvorgängen – bundesweit eine zuverlässige Erkennung bei der Fahrkartenkontrolle ermöglichen. Neben Lösungen über Smartphones müssen auch Chipkarten verschiedener Unternehmen und Verbünde erkannt werden und prüfbar sein. Hierfür müssen bundesweit einheitliche Standards festgelegt und umgesetzt werden, wobei mit den Herstellern der aktuell eingesetzten Geräte geklärt werden muss, was technisch überhaupt machbar ist. Denn die Weiterverwendung der „Altgeräte“ ist nicht nur nachhaltig und wirtschaftlicher; infolge langer Bestell- und Lieferfristen wären solche Neu-Geräte auch nicht flächendeckend binnen weniger Monate zu beschaffen. Zudem muss geklärt werden, wie die geforderte monatliche Kündigung umgesetzt werden kann. Hierfür muss die Software der vielen Hintergrundsysteme angepasst werden. Die digitalen Abos müssen technisch auch so ausgestaltet werden, dass sie nach einer Kündigung fristgerecht enden und z. B. auf Chipkarten gespeicherte Deutschlandtickets nicht in alle Ewigkeit weitergelten.

Neben den großen finanziellen und technischen Herausforderungen sind aber auch scheinbare Kleinigkeiten abzustimmen, die bei der täglichen Mitfahrt durch die Fahrgäste von Bedeutung sind, so z. B. ein Übergang zur ersten Wagenklasse, Regelungen für eine Fahrrad- und Hundemitnahme, wann / wo / bei wem Deutschlandticket bestellt werden kann, welche – ggf. regionalen – ermäßigten Angebote es geben wird, was mit bestehenden Abos passiert, und, und, und…

Die hier genannten Beispiele sind aber nur ein kleiner Teil aller notwendigen Überlegungen, um das Ticket anbieten zu können. Neben Politik und Verwaltung müssen sich rund 100 Verkehrsverbünde, Tarifgemeinschaften und noch viel mehr Verkehrsunternehmen auf ein einheitliches Vorgehen einigen. „Augen zu und durch“ ist unter all diesen Aspekten nicht möglich.

Wie geht es weiter?

Das Deutschlandticket wird voraussichtlich im ersten Halbjahr 2023 kommen und bundesweit einheitlich starten, auch wenn wir den Zeitpunkt hierfür aktuell noch nicht exakt benennen können.

  • Es wird neben dem bundesweit einheitlichen Deutschlandticket für 49 EUR/Monat auch ermäßigte Versionen geben (wie z.B. als ProfiTicket/Job-Ticket) – ggf. in regional unterschiedlicher Ausprägung.
  • Niemand muss sein Abo zwingend in ein Deutschlandticket umwandeln (lassen), da die bekannten Tarife weiter bestehen bleiben. Für fast alle Fahrgäste, die bereits ein Abo oder ein ProfiTicket/Job-Ticket nutzen, ist das Deutschlandticket aber die preiswertere Alternative – mit der zusätzlichen monatlichen Kündigungsmöglichkeit, um auszusteigen oder nur kurz auszusetzen, ohne draufzuzahlen
  • Kein Fahrgast muss sich aktuell für das Deutschlandticket entscheiden oder registrieren. Alle Beteiligten werden den konkreten Start rechtzeitig ankündigen; u.a. werden alle Abonnenten (inkl. Inhaber von ProfiTickets / Job-Tickets) direkt informiert.
  • Der Ein- oder Umstieg in das Deutschlandticket wird für jeden jederzeit möglich sein.

Verkehrsunternehmen, Verbünde und Fahrgäste werden aber sicher nicht mit einer perfekten digitalen Ticketwelt und digitalen Prozessen starten, sondern zunächst einige Kompromisse mit auf den Weg nehmen müssen. Wir müssen auch beobachten, ob die angestrebten digitalen Prozesse für bestimmte Personengruppen wie z.B. Kinder oder Senioren zugänglich sind oder Alternativen erfordern. Und (nicht nur) aus Fahrgastsicht wird merkwürdig sein, dass parallel zum Deutschlandticket auch die bisherigen (z.T. erheblich teureren) Tarifstrukturen weiter gelten – hier bleibt abzuwarten, wie das Deutschlandticket angenommen wird und welche sinnvollen und notwendigen Konsequenzen sich für das Ticketangebot von Einzel-, Tageskarten usw. ergeben.

Es gibt viel zu bewegen. Auch wenn man es nicht unmittelbar sieht: Der ÖPNV und alle Beteiligten sind mit Hochdruck auf dem Weg.

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