Moin, liebe nordbahn-Fahrgäste!
Wie oft habe ich das gehört: Der Lokführer muss nur einen Knopf drücken und der Zug fährt von selbst. Oft folgt dann die Bemerkung, dass unser Berufsstand völlig überbezahlt sei, schließlich müsse man ja kaum etwas können. Und wie ist die Realität? Um das herauszufinden, begleiten Sie mich bei einer Zugfahrt vorn im Führerstand. Bevor es losgeht, sind etliche Handgriffe zu erledigen. Ich beginne damit, dem Zug zu sagen, wer ich bin. Jeder und jede von uns hat eine eigene Kennnummer, die wir in den Bordrechner eingeben. Denn wie im Flugzeug werden alle Bedienhandlungen registriert. Danach gebe ich die Nummer der Zugfahrt ins Zugfunkgerät ein, damit ich jederzeit erreichbar bin.
Tippen, schalten, kontrollieren
Als Nächstes tippe ich die Zugnummer in das System ein, das die Anzeigen und Ansagen steuert – so wissen Sie, wohin der Zug fährt und welcher der nächste Halt ist. Es folgt ein sehr wichtiger Schritt, der vor jeder Fahrt durchgeführt werden muss: die Überprüfung aller Bremssysteme. Bei unseren Zügen geschieht das elektronisch am Display im Führerstand. Wenn alles in Ordnung ist und das Stellwerk zur Abfahrtszeitdas Signal auf „Fahrt“ gestellt hat, kann es losgehen. Dafür drücken wir keinen Knopf, sondern wir legen den Fahr-/Bremsschalter nach vorn – mit Gefühl, damit die Räder nicht durchdrehen. Und leider können wir jetzt nicht entspannen. Ganz im Gegenteil: Wir müssen die Geschwindigkeit ständig im Blick behalten. Welches Tempo erlaubt ist, sehen wir in unserem Fahrplan und daran, was uns die Signale an der Strecke anzeigen. Außerdem liegt ein Tablet vor uns, das uns tagesaktuell anzeigt, wo z. B. wegen Baustellen langsamer gefahren werden muss.
Gedanklich abschalten? Auf keinen Fall!
Unser Blick wandert unentwegt zwischen Fahrplan, Signalen, Tablet, der Strecke vor uns und dem Tacho hin und her. Kurz gedanklich abschalten, geht auf keinen Fall. Viele Signale müssen wir mittels eines Tasters quittieren. Das muss binnen vier Sekunden geschehen und natürlich müssen wir dann sofort reagieren und unser Tempo entsprechend reduzieren. Tun wir das nicht, bringt uns ein Sicherheitsmechanismus mit einem lauten Zisch zum Stehen – leider auch mit einem lästigen Nachspiel. Doch das ist nicht alles. Es kann immer sein, dass das zuständige Stellwerk anruft und uns Informationen oder Anweisungen gibt, die wir aufnehmen, bestätigen und umsetzen müssen. Dann kommt der nächste Halt näher und das heißt, rechtzeitig zu bremsen. Irgendwann kann man das, aber man muss es üben, denn ein Zug mit seinem Tempo und seiner Wucht bremst völlig anders als ein Auto. Nicht zuletzt muss man jederzeit die unzähligen Vorschriften kennen und umsetzen, die es bei der Bahn gibt.
Und die Füße nicht vergessen
Vielleicht ist das Gerücht vom Knopfdrücken aber auch ein Missverständnis, denn wir drücken zwar keinen Knopf, sondern ein Fußpedal und das mindestens alle dreißig Sekunden – um sicherzustellen, dass wir wach und gesund sind und den Zug im Griff haben. Tatsächlich fährt ein Zug also nicht von allein, sondern im Führerstand ist sogar echtes Multitasking gefordert. Ich weiß noch genau, wie ich am Anfang ins Schwitzen geriet, zig Sachen gleichzeitig zu tun. Heute sorgt die Erfahrung dafür, dass alles ruhig und routiniert abläuft. Trotzdem ist jede Fahrt anders, sonst wäre mein spannender Beruf doch langweilig!
Eine gute Fahrt wünscht
Lokführer Gordon
