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Können sich Züge verfahren?

Steckt ein Plan dahinter oder können sich Züge einfach verfahren? Das erklärt Ihnen unser Lokführer Gordon in dieser Folge.

  Hallo liebe nordbahn-Fahrgäste!

Es ist sehr früher Morgen im Hamburger Hauptbahnhof. Gerade erst habe ich meinen Zug in Bewegung gesetzt und noch keine Begrüßungsansage gemacht, als bereits ein Fahrgast die Sprechwunsch-Taste im Zug betätigt. Ich nehme das Gespräch vorne im Führerstand an. Eine hörbar aufgeregte Stimme tönt aus dem Lautsprecher: „Sagen Sie, kann es sein, dass Sie sich verfahren haben? Nach Elmshorn geht es doch in die andere Richtung!“ Was war geschehen?

Tatsächlich rollten wir gefühlt in die falsche Richtung.
Statt über Hamburg-Dammtor fuhr ich in die entgegengesetzte Richtung, über die Oberhafenbrücke und an der Hamburger Hafencity vorbei Richtung Osten. Ich konnte den Fahrgast jedoch beruhigen und danach auch alle anderen Fahrgäste dieser nächtlichen Reise informieren, denn unser Zug wurde planmäßig umgeleitet. Grund dafür waren Bauarbeiten auf der „Verbindungsbahn“ genannten Strecke, die sich durch Hamburgs Innenstadt schlängelt – zwischen dem Hamburger Hauptbahnhof und Dammtor waren die Gleise herausgerissen worden, um sie zu erneuern. In mehreren Nächten wurden unsere Züge der nordbahn darum östlich um Hamburg herum umgeleitet. „Güterumgehungsbahn“ heißt diese Strecke, sie führt durch die Hamburger Stadtteile Horn, Wandsbek, Lokstedt und Eidelstedt und wird, wie der Name bereits vermuten lässt, normalerweise nur für Güterzüge genutzt. Diese müssen dann auf ihrem Weg von Schweden und Dänemark Richtung Süden oder umgekehrt nicht durch den schon mit Personenzügen überlasteten Hamburger Hauptbahnhof fahren. Für unsere Fahrgäste bedeuteten  diese Umleitungen zwar deutlich längere Fahrtzeiten, aber nur so war es möglich, überhaupt Richtung Elmshorn und Wrist bzw. Itzehoe fahren zu können.

Das alles musste mein aufgeregter Fahrgast in dieser Nacht natürlich nicht wissen. Aber ist seine Sorge grundsätzlich berechtigt? Können sich Züge verfahren? Die Antwort lautet: Nein. Anders als im Straßenverkehr, in dem wir alle, die wir als Auto- oder Radfahrende daran teilnehmen, ganz individuell für uns selbst bestimmen, wo die Reise lang geht, ist das bei der Eisenbahn völlig  anders. Ausnahmslos jede einzelne Zugfahrt wird zuvor geplant. Die Fahrpläne für unsere Linien zwischen Büsum, Neumünster und Bad Oldesloe sowie zwischen Hamburg und Wrist/Itzehoe werden, wie die aller anderen Bahnunternehmen auch, jährlich mit einem Vorlauf von einem Jahr neu geplant. Denn die Eisenbahn ist schließlich ein gigantisches Netzwerk! Nur ein Beispiel: Wenn ein internationaler EuroCity-Zug von Kopenhagen nach Hamburg fährt, müssen dessen Fahrtzeiten und die unserer Linie RB 71 von Wrist nach Hamburg ja abgestimmt werden, weil wir die gleichen Schienen benutzen. Das Ergebnis sind dann Jahr für Jahr die Sommer- und Winterfahrpläne, die Sie online und in den Faltblättern in unseren Zügen finden. An diesem Beispiel wird schon deutlich, dass Zugfahrten nicht zufällig oder spontan möglich sind, oder?

Ein Plan für jede einzelne Zugfahrt
Aber gehen wir noch einen Schritt weiter. Nicht nur Sie als Fahrgast bekommen den Fahrplan, sondern natürlich auch wir Lokführerinnen und Lokführer – für jede einzelne Zugfahrt gibt es einen. Auch die Fahrdienstleiterinnen und -leiter in den Stellwerken an den Strecken und in den Bahnhöfen haben detaillierte Pläne, nach denen sie den Zugverkehr regeln und entsprechend die Weichen und Signale stellen. Würde ich also wirklich versuchen, in die falsche Richtung zu fahren, würde es verhindert werden, niemand würde mir dafür das Signal auf grün, „Fahrt!“, stellen. Es geht aber noch viel weiter: Die gesamten Fahrzeugplanungen der Eisenbahnunternehmen richten sich nach den langfristig festgelegten Fahrplänen, die Werkstattaufenthalte der Züge, die Zeiten, wann die Züge gereinigt werden und auch planbare Baustellen am Schienennetz fließen in die Planungen ein.

  Bekommen Sie eine Vorstellung davon, wie viele Menschen an jeder einzelnen Zugfahrt beteiligt sind und wie langfristig alles geplant ist?

Sie und ich wissen, dass Planungen die eine Seite der Medaille sind und die tägliche Realität auf den Schienen eine andere. Das große, komplexe System der Eisenbahn führt zwar einerseits dazu, dass sich Verspätungen auf andere Züge übertragen und das ärgert uns genau so wie Sie.

Gleichzeitig ist das Zusammenspiel so vieler Menschen bei der Bahn aber auch der Garant dafür, dass Sie sicher ans Ziel kommen – ans richtige Ziel.

Ihnen eine gute Fahrt und bis bald bei der nordbahn!
Ihr Lokführer
Gordon

Tipp: Eine Fahrt auf der Güterumgehungsbahn aus der Perspektive des Lokführers könnt im Video unseres Kollegen Levent erleben.

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